5000 Jahre Uruk: Lehm-Fliesen in Serien-Produktion

Gilgamesch, zwei Drittel Gott und nur ein Drittel Mensch, sieht gedankenverloren auf Uruk hinab, seine pulsierende, mit 100.000 Bewohnern angefüllte Stadt – die erste Megacity der Menschheit.

Einst grausamer, selbstsüchtiger Herrscher ist er mit den Jahren reifer und demütig, ja fast liebevoll geworden. Er fühlt Verantwortung für seine fleißigen Untertanen, will sie nunmehr beschützen und ihnen die vorsintflutliche Ordnung und Sicherheit zurückbringen.

Und er weiß, dass die riesige, aus allen Nähten platzende Metropole, reich geworden mit dem Ton- und Lehmhandwerk, Begehrlichkeiten weckt, dass sie Schutz braucht vor ihren Neidern und Feinden, aber auch vor dem ewigen Wasser und seinem Spiel.

Gilgamesch hat jetzt die Vision klar vor Augen und weiß auch zugleich, ihre Umsetzung ist kaum zu bewerkstelligen, ja grenzt fast an Größenwahn. Aber Uruk braucht wieder einen Schutzwall (wie schon vor der Sintflut) oder eine Hürde, wie er es nennt, und er beschließt, eine gewaltige Festungsmauer um die Stadtanlage herum, die ja erstaunliche sechs Quadratkilometer misst, zu errichten.

Und er weiß bereits um die ungeahnten Ausmaße, denn ohne jeden Zweifel geht es um das größte Monument der Menschheitsgeschichte: fast zwölf, mindestens aber neun Kilometer lang (die Experten streiten sich), neun Meter breit, neun Meter hoch mit 800 Türmen bewehrt.

Gilgamesch erfindet die Serienproduktion von Lehmfliesen und -ziegeln

Wie soll er es machen? Wo stand die Menschheit vor fast 6000 Jahren?  Sie hat gerade entdeckt, dass man die aus Stroh, Lehm und Wasser geformten Ziegel nicht einfach nur in der Sonne trocknen, sondern auch im Feuer brennen und ihnen so viel mehr Festigkeit verleihen kann. Die Ziegel werden zu Terracotta, verbrannter Erde, was sie wasserabweisend und so viel härter und stabiler macht. Zugleich dauert die Herstellung so viel länger und ist so viel teurer. Der so genannte Backstein wurde als ein wertvolles Luxusgut betrachtet. Gebrannte Ziegel durften nur für Tempel und Palastbauten eingesetzt werden, der Wohnstatt der Götter und die Residenz der Könige.

Doch Gilgamesch sah das anders, denn hier ging es um nichts weniger, als durch seine Kraft, sein Wissen und seine Kunst den Menschen wieder den Schutz zu bringen, den die vorsintflutliche Ordnung ihnen geboten hatte und die nachsintflutliche Welt ihnen bisher verwehrte. Innerhalb der Mauer sollten die Menschen wieder Schutz und Zuflucht vor den Bedrohungen des Außen finden.

Gilgamesch und der beste Baustoff der Welt

Der Herrscher hatte also eine neue Lebensaufgabe gigantischen Ausmaßes, die ihm und vielen anderen einige Jahrzehnte lang viel Augenmaß und Wissen, Verstandes- und Muskelkraft sowie jede Menge Ausdauer abverlangen würde.

Heute wissen wir, dass für die Mauer etwa eine Milliarde Lehm-Ziegel und -Fliesen verbaut wurden – eine schier unglaubliche Größenordnung. Und im Prinzip stand Gilgamesch bei der Umsetzung dieses Projektes vor ähnlichen Herausforderungen wie wir von Handgeformt, da wir uns täglich an den ursprünglichen Arbeitsweisen und -methoden orientieren. Denn zur Produktion von Backsteinen braucht man Lehm mit einem angemessenen Ton-Anteil, der abgebaut und weiterverarbeitet, das heißt gemahlen, mit Wasser, verschiedenen Mineralien und anderen natürlichen Füllstoffen, wie etwa pflanzlichen Fasern, vermischt und dann viele Wochen gewendet und immer wieder durchgeknetet wird, bevor die Formung der Ziegel, Platten und Fliesen beginnt. Auch Gilgameschs Handwerker hatten bereits einfache Rahmen, um sich die Arbeit zu erleichtern und ein gewisses Gleichmaß ihrer Formlinge oder Luftziegel zu gewährleisten. Ein Großteil wurde vermutlich rahmenlos, einfach nur von sehr geübten Händen und sehr viel Augenmaß geformt und dann viele Wochen langsam getrocknet. All das geschah natürlich unter freiem Himmel: Der mesopamische Wind und die heiße Sonne des Orients waren Gilgamesch wohlgesonnen und verkürzten die Wartezeit.

 

Handgeformt, die Erben Gilgameschs

Irgendwann, wie so oft in unserer langen Geschichte, hat die Menschheit Jahrtausende altes Wissen einfach vergessen, schnell und viel. Erst sehr viele Jahrtausende später, in einer von ungesunden Zementimitaten verseuchten Welt besannen wir uns auf Gilgamesch, die großen Erbauer, und sein Wissen und fragten uns, warum werfen wir alles so achtlos weg, statt die Kenntnisse zu nutzen und den stabilsten und gesündesten Baustoff zu verbessern? 

 

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